Der kleine Garten

Wenn ich an Kleingärten in Stötteritz denke, fallen mir spontan drei Vereine ein: Dr. Güntz, Flora Stötteritz und Am Kärrnerweg. Zusammen haben diese drei Gärten 795 Parzellen, auf denen sich der Stadtmensch ein paar Quadratmeter Erde zu eigen machen kann. Aber das war’s noch nicht. Ein Blick in die Übersicht des Stadtverband Leipzig der Kleingärtner e.V.[1] fördert noch einige weitere Vereine zu Tage: An der Albrechtshainer Straße, Am Walde, Neues Leben, Osthöhe, An der Eichelwiese, Eigene Scholle, Friedenseck, Nachtigall und Kastanienallee. Nochmal 1.041 Einheiten zum Gärtnern, Spielen, Entspannen und Grillen. Auf die 9.739 Haushalte in Stötteritz[2] kommen also insgesamt 1.836 Kleingartenparzellen. Keine schlechte Quote. Aber wen wundert’s in der „Hauptstadt der Kleingärtner“?

Der älteste, noch bestehende Verein in Stötteritz ist dabei der „Kastanienallee e.V.“. Gegründet wurde er im Jahre 1900. Glaubt man jedoch der Aussage einer Urenkelin des Mitbegründers[3], so wurde die Anlage bereits 1870 aus der Taufe gehoben. Nur wenige Jahre nachdem das „Original“ der Schreberbewegung im heutigen Zentrum-West (Aachener Straße, Leipzig) ihren Anfang fand.

Doch Schreber und Kleingärtner sind zwei paar Schuhe. Im Mai 1864 berichtete die Mitteldeutsche-Volkszeitung in ihrer Rubrik „Leipziger Allerlei“, dass ein „Schulverein“ gegründet worden sei, um „im Westen Leipzigs wohnende Eltern … zu dem Zwecke [zu] vereinigen, einen großen Spielplatz für ihre Kinder zu schaffen, auf dem sie sich im Sommer belustigen und selbstentwickeln […] können“.[4] Von Gemüseanbau war in der Schreberbewegung also nicht die Rede.

Inspiriert von dem Leipziger Mediziner Dr. Moritz Schreber (der im Übrigen eine Leidenschaft für Turngymnastik hatte und pädagogische Schriften über die Bedeutung von Bewegung und Ernährung zur Gesundheitsvorsorge verfasste)[5] war es der Schuldirektor Dr. Ernst Innocenz Hauschild, der den oben genannten Schulverein ins Leben rief. Der wiederum erbaute „Schrebers Spielplatz“ am Johannapark, feierlich eingeweiht im Mai 1865. Um den Spielplatz herum wurden im Laufe der nächsten Jahre kleinere Parzellen an Vereinsmitglieder verpachtet. So entstanden die kleinen Gärten.

Im benachbarten Stötteritz spielte die „Schreberbewegung“ mit ihrer Idee, einen Frischluftraum speziell für Kinder und Jugendliche zu schaffen, zunächst eine untergeordnete Rolle. Hier ging es mehr darum, der arbeitenden Bevölkerung einen Ausgleich zu den gesundheitsschädlichen Folgen der Industrialisierung zu schaffen. Fabrikbesitzer, vermögende Privatleute, Kirche und Staat verpachteten brachliegendes Land, auf denen sich Familien eigene kleine Gärten anlegen und in der Natur erholen konnten. In den 1880/90ern entstanden so etliche kleinere Gartenvereine. Diese prägen auch heute noch das Stötteritzer Stadtbild, auch wenn sie sich teilweise zusammengeschlossen und den Namen geändert haben.

Zu der Entwicklung des Kleingartenwesens in Stötteritz gibt es sicher noch viel zu erzählen. Wer sich für mehr Details interessiert, dem sei das „Stötteritzer Stadtteillexikon“, herausgegeben vom Pro Leipzig e.V., nahegelegt. Gibt’s zum Beispiel in der Lindenbuchhandlung gegenüber vom Bäcker Weck. Ich belasse es an dieser Stelle mit dem Geschriebenen und freue mich einfach darüber, mit meiner Parzelle von 170m² auch ein Teil der Freiluft-Erfolgsgeschichte „Kleingarten“ zu sein.


[1] https://www.stadtverband-leipzig.de/unsere-207-vereine/

[2] https://statistik.leipzig.de/statdist/table_area.aspx?dist=31

[3] https://www.stadtverband-leipzig.de/kgv-kastanienallee-e-v/

[4] Siehe: Stötteritz – Ein Leipziger Stadtteillexikon, Hrsg. Pro Leipzig e.V., S. 101.

[5] https://www.deutsche-biographie.de/sfz79144.html#ndbcontent

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